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Er Füttert Sie Mit Gift

Er füttert sie mit Gift

Der Bund news interview of ICSVE Director, Anne Speckhard, Ph.D.

by Simone Rau und Dominique Strebel

June 24, 2016

Die Bundesanwaltschaft hat einen potenziellen Drahtzieher der Winterthurer Islamistenszene verhaftet. Der 30-jährige Konvertit soll Kampfsport und schnelle Autos lieben. Ist das typisch für Jihadisten?
Um zu beurteilen, was aus ihm einen radi­kalen Muslim gemacht hat, weiss ich zu wenig. Dass er seinen Körper gestählt hat und schnelle Autos liebt, deutet für mich darauf hin, dass er irgendeine Form von Verletzung kompensiert. Genau solche wunden Punkte sucht der Islamische Staat, um Leute zu rekrutieren.

Der Mann soll im Umfeld ­einer ­Moschee Jugendliche für den Jihad angeworben haben. Wie geht ein Rekrutierer vor?
Der Konvertit ist 30 Jahre alt und hat einen gestählten Körper, der Stärke und Sicherheit ausstrahlt. Und er scheint sein Leben im Griff zu haben. Das macht gerade auf junge Leute viel Eindruck. Er bietet sich geradezu als Vaterfigur an. Sobald sie Vertrauen in ihn gefasst haben, füttert er sie mit dem jihadistischen Gift.

Wie macht er das?
Er wird ihnen Videos und Fotos gezeigt haben – von toten Kindern etwa, die bei Bombenangriffen ums Leben gekommen sind. Das Perfide an diesen Bildern: Natürlich ist es falsch, Kinder mit Bomben umzubringen. Nur: Was für eine Rolle die Terroristen in diesen Kriegen spielen, zeigen die Rekrutierer nicht. Viele glauben, der Radikalisierungsprozess sei ein rationaler Vorgang. Zum Teil stimmt das. Viel wichtiger aber sind Emotionen.

Was fehlt Menschen, die sich dem radikalen Islamanschliessen?
Zuwendung. Sie sehnen sich danach, dass sich jemand ihrer annimmt. Dass sich jemand für sie interessiert.

Ziehen Frauen aus andern Motiven in den Jihad als Männer?
Sie unterscheiden sich praktisch gar nicht. Frauen begeistern sich genauso für Gewalt, sie wollen Abenteuer, sie wollen Sex. Und es wird ihnen Macht versprochen, die sie im Westen vermutlich nie haben werden. Sie sind nicht so unschuldig und gewaltfrei, wie wir glauben.

Aus Winterthur sind mindestens 12 Menschen nach Syrien gereist. . .
Das sind viele.

. . .und von rund 500 potenziellen Jihadisten, die der Schweizerische Nachrichtendienst derzeit auf dem Radar hat, stammen 60 aus der Stadt. Was muss Winterthur tun?
Sie muss die wunden Punkte dieser Leute herausfinden. Was für Probleme haben sie? Kommen ihre Familien aus Kriegsgebieten? Sind sie arbeitslos? Es gibt immer eine Verletzung. Sonst wären diese Leute nicht anfällig für den Jihad.

Angenommen, man entdeckt die wunden Punkte: Wie greift man ein?
Nehmen wir die Moschee, in der einige von ihnen verkehrten. Sie darf einen radi­kalen Islam vertreten – das ist nicht verboten. Doch von dort ist es ein kleiner Schritt zum gewaltbereiten Jiha­dismus. Wenn in der Moschee extre­mistisches Gedankengut gepredigt wird, würde ich die Moschee schliessen lassen.

Es soll hauptsächlich im Geheimen passieren.
Man müsste jemanden einschleusen, um zu sehen, was wirklich gepredigt wird. Eine bloss konservative Haltung darf man der Moschee nicht ankreiden.

Der verhaftete Konvertit soll ­Zugang zum inneren Zirkel der ­Moschee gehabt haben.
Das spielt keine Rolle. Man darf sie trotzdem nicht dafür verurteilen, dass diese Leute in den Jihad gezogen sind. Vielleicht wusste sie um die Radikalität des Konvertiten – aber nicht, dass er ein Rekru­tierer ist. Wichtig ist jedoch, dass die Behörden das Gespräch mit den Verantwortlichen der Moschee suchen. Je enger der Kontakt, desto besser.

Was für staatliche Angebote braucht es? Was halten Sie zum Beispiel von einer nationalen Hotline?
Ich würde sie Helpline nennen. Hotline klingt zu sehr nach Polizei. Es braucht eine solche Helpline unbedingt. Anrufer müssen rund um die Uhr eine Nachricht hinterlassen können. Und es braucht schnelle Eingreiftruppen.

Kritiker befürchten, Anrufer ­würden Leute anschwärzen, wenn eine Hotline eingerichtet wird.
Natürlich wird es falsche Anrufe geben. Aber sie lassen sich leicht als solche erkennen. Eine nationale Helpline wäre sinnvoll, da es in der Schweiz wenig Fälle gibt. Man könnte auch eine Helpline verwenden, die es bereits gibt – und die Mitarbeiter entsprechend schulen.

Zürich setzt eine Software zur ­Früherkennung mit 42 Fragen ein – das Ergebnis ist jeweils grün, orange oder rot. Ist das sinnvoll?
Bei einer solchen Software wird es sicher viele falsch-positive Resultate geben. Und sie kratzt eindeutig an den Bürgerrechten. Eigentlich müsste jeder, der entsprechend durchleuchtet wird, darüber informiert werden. Doch gut eingesetzt, kann die Software ein nütz­liches Instrument sein. Man darf es einfach nicht überschätzen.

Was halten Sie allgemein von der Prävention in der Schweiz?
Ich bin sehr froh über alles, was Ihr Land, was nur schon Ihre Städte machen. Lokales Engagement ist schlau. Und Prävention ist entscheidend. Der Islamische Staat mag im Moment der letzte Schrei sein. Doch es werden andere Organisationen kommen, andere Probleme.

Besteht die Gefahr, dass Winterthur zu einem zweiten Molenbeek wird?
Das weiss ich nicht. Was ich aber weiss: Junge Leute stecken sich gegenseitig leicht mit Ideen an. Diese Ideen springen wie Viren vom einen zum anderen. Wenn es in einer Gemeinschaft cool ist, Jihadisten zu bewundern, wenn es als hip angesehen wird, sich dem Islamischen Staat anzuschliessen, kann das verheerende Auswirkungen haben. Und eine solche Ansteckung breitet sich schnell aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2016, 22:50 Uhr

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